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Prävention und Gesundheitsförderung
 

Vernetzung als Strategie der Gesundheitsförderung

IEine der drei zentralen Handlungsstrategien in der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung lautet „vermitteln und vernetzen“ (engl. mediate). Gemäß der WHO ist „vermitteln und vernetzen“ ein Prozess, durch den die verschiedenen Interessen von Individuen und Gemeinschaften sowie unterschiedlichen Sektoren in Einklang gebracht werden, mit dem Ziel, die Gesundheit zu erhalten, zu schützen beziehungsweise zu fördern. Gesundheitsförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die ein Zusammenwirken aller relevanten Bereiche und Akteure, das heißt die Koordination und Kooperation der Regierungen, der Gesundheits-, Sozial-, Wirtschafts- und Umweltsektoren, der nicht staatlichen Verbände, der Initiativen, der Medien und so weiter erfordert. Den Fachkundigen und Expertinnen beziehungsweise Experten des Gesundheitswesens kommt in der Anwendung von „vermitteln und vernetzen“ zwischen den verschiedenen Interessen dieser Akteure eine besondere Verantwortung zu.

Von den Spitzenverbänden der Krankenkassen wird in ihrem gemeinsamen Papier über die „Weiterentwicklung der Prävention und Gesundheitsförderung“ die Vernetzung und Kooperation aller relevanten Akteure als zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung von Gesundheitsförderung gefordert. Die Notwendigkeit von Kooperation und Vernetzung in der Gesundheitsförderung wurde vom Gesetzgeber in einem Kooperationsauftrag zwischen den gesetzlichen Krankenkassen (SGB V) und Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung (SGB VII) aus dem Jahr 2007 verpflichtend festgehalten.

Trotz der Bedeutung von Netzwerkbildung und intersektoraler Kooperation als wichtige Prinzipien erfolgreicher Gesundheitsförderung haben die vorhandenen Netzwerke in Deutschland zurzeit keinen hinreichenden politischen Auftrag und verfügen häufig nicht über die nötigen finanziellen beziehungsweise personellen Ressourcen. Das hat dazu geführt, dass die bundesweiten Settingprojekte unterschiedlicher Institutionen und Organisationen ihre Initiativen bislang nur auf einen eingeschränkten Nutzerkreis anwenden konnten.

Laut WHO ist unter einem „Netzwerk“ eine Gruppierung von Individuen, Organisationen oder Einrichtungen zu verstehen, die auf einer nicht hierarchischen Basis um gemeinsame Themen oder Angelegenheiten organisiert ist, welche aktiv und systematisch auf der Basis von Verantwortungsgefühl und Vertrauen verfolgt werden. Netzwerke werden häufig zwischen gleichartigen Settings gebildet. Sogenannte Koordinatoren, Moderatoren und Mediatoren nehmen als Vermittlungspersonen zwischen den beteiligten Akteuren in einem Netzwerk eine Schlüsselrolle ein. Diese Personen müssen über gewisse Fähigkeiten, wie zum Beispiel Fach- und Sozialkompetenz, Kooperationsfähigkeit, Konflikt- und Kompromissbereitschaft, verfügen.

Durch „vermitteln und vernetzen“ sollen sowohl horizontale als auch vertikale Kooperationsstrukturen aufgebaut oder weiterentwickelt werden. Mit „horizontalen Kooperationsstrukturen“ ist die Verknüpfung unterschiedlicher menschlicher Lebensbereiche mit entsprechenden Politiksektoren gemeint. Durch beispielsweise Aktionsbündnisse, Konferenzen und weitere Veranstaltungen sollen gesundheitsfördernde Aktivitäten zustande kommen. Mit „vertikalen Kooperationsstrukturen“ ist die Verknüpfung unterschiedlicher politischer Ebenen gemeint. Interessenvertreter der verschiedenen Ebenen sollen hierbei zusammenarbeiten, um Konflikte auszutragen und Lösungen herbeizuführen. Der Aufbau von Netzwerkstrukturen wird als praktische Umsetzungsstrategie von Gesundheitsförderung gesehen. Ein gesundheitsförderndes Netzwerk dient der effektiven Programm-, Planungs- und Ressourcennutzung sowie der gemeinsamen Koordinierung und der Herstellung eines inhaltlichen und/ oder organisatorischen Zusammenhangs gesundheitsrelevanter Angebote. Langfristig soll es zu einem kommunikativen Austausch- und Verständigungsprozess führen. Gesundheitsbezogene Netzwerke können nur dann funktionieren, wenn bestimmte Herausforderungen bewältigt werden, wie zum Beispiel:

Netzwerke dienen zum Beispiel als gemeinsame Plattform, um Probleme zu identifizieren und Lösungen zu suchen beziehungsweise umzusetzen. Außerdem findet durch sie ein regelmäßiger Erfahrungs- und Informationsaustausch statt. Durch den direkten Vergleich und praxisnahe Hilfen werden unter anderem Motivation und Durchhaltevermögen gesteigert.

Eine kooperative und koordinierende Vernetzung soll unter anderem dabei helfen, Interdisziplinarität und Multiprofessionalität, Synergieeffekte, Anschlussfähigkeit, Innovation, Flexibilität und Stärke zu erreichen. Um diese Ziele zu erlangen, sind bestimmte Bedingungen erforderlich. Dazu zählen zum Beispiel eine dauerhafte qualitative Bewertung, eine Veränderung der Infrastrukturen und eine professionelle Koordination des Netzwerks. Zudem ist es wichtig, dass ein regelmäßiger Informationsund Erfahrungsaustausch stattfindet, bei dem Ziele diskutiert und Strategien zur Akzeptanzsicherung beziehungsweise Aktionserweiterung erarbeitet werden. Probleme bei der Netzwerkarbeit sind zum Beispiel deren Komplexität und Unterschiedlichkeit, lange Kommunikationswege, zeitaufwendige Kommunikations- und Aushandlungsprozesse sowie häufig fehlende personelle und finanzielle Ressourcen. Zumeist von der WHO initiiert und vorangetrieben, entstanden in den vergangenen 20 Jahren zahlreiche mehr oder minder etablierte gesundheitsfördernde Netzwerke zentraler Settings, wie zum Beispiel Städte und Gemeinden, Unternehmen und Betriebe, Krankenhäuser sowie Schulen und Hochschulen.

Die Netzwerke haben unterschiedliche Reichweiten und können auch settingübergreifend wirken. Sie sind auf verschiedenen Ebenen (welt-, europa-, bundes- und landesweit sowie kommunal) unterschiedlich stark organisiert. Sie können eingeteilt werden in die Kategorien gesunde Region, gesunde Stadt, gesundheitsförderndes Unternehmen (Betrieb), gesundheitsförderndes Krankenhaus, gesundheitsfördernde Pflegeeinrichtung, gesundheitsfördernde Justizvollzugseinrichtung sowie die Kategorien der gesundheitsfördernden Bildungskette: Kindertageseinrichtung, Schule und Hochschule. Die praktischen Voraussetzungen erfolgreicher, kooperativer und koordinierender Vernetzung beziehungsweise Netzwerkarbeit können folgendermaßen festgehalten werden:
Eine kooperative und koordinierende Vernetzung …
… benötigt Ressourcen, die von den Kooperationspartnern im Vorfeld definiert und im Prozess mobilisiert und eingebracht werden müssen. Dabei müssen Reziprozitäten sichtbar werden und eventuell vorhandene Ungleichheiten akzeptiert werden.
… lebt von Unterschiedlichkeit, das heißt, sie ist Ausdruck von und zugleich Antwort auf Spezialisierung und Differenzierung und basiert auf Arbeitsteilung und Abgrenzung.
… muss multifunktional sein.
… muss Systemgrenzen definieren, die kooperativ neu justiert, aber nicht aufgelöst werden sollen.
… setzt eine Festlegung der Kooperationsbedingungen, das heißt Verantwortlichkeitsdefinitionen voraus.
… setzt eine klare Zielkonzeption voraus, wozu auch das Offenlegen eigener Interessen im Netzwerk gehört.
… setzt Evaluation und Qualitätssicherung voraus.
… setzt klare Zielvorstellungen und Lösungsbereitschaft der einzelnen Akteure voraus.
… setzt voraus, unterschiedliche Paradigmen zu erkennen und zu nutzen, aber auch Grenzen zu definieren, damit voraussehbare Enttäuschungen minimiert werden können.

Die Abbildung 4 veranschaulicht den Hintergrund, die Zusammenhänge und die Potenziale der gesundheitsfördernden Settings mit ihren dazugehörigen Netzwerken.

Abb. 4: Zusammenhang zwischen den Settings der Gesundheitsförderung und den dazugehörigen Netzwerken (Siebert 2006, S. 63)



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